Heute feiert Steve Harris – zentrales Gründungsmitglied, Bassist und seit jeher Bandleader von Iron Maiden – seinen 65. Geburtstag. METAL HAMMER gratuliert – und blickt auf sein Leben zurück.
Randnotiz: Alle im Artikel verwendeten Zwischenüberschriften sind Song-Titel von Iron Maiden, die nicht nur gewissermaßen zum zugehörigen Textabschnitt passen, sondern in die ihr beim Lesen reinhören könnt.
Infinite Dreams
Es scheint überflüssig zu wiederholen, trotzdem sollte folgender Satz nicht fehlen: Iron Maiden zählen zu den erfolgreichsten, einflussreichsten und vor allem beständigsten Metal-Bands überhaupt. Als Pioniere der New Wave Of British Heavy Metal verpassten sie entsprechendem Genre ein neues, nachhaltiges Antlitz. Bis heute veröffentlichten sie 16 Studio- und fast annähernd so viele Livealben, über 40 Singles und 39 Musikvideos, außerdem vier EPs; insgesamt gingen weit mehr als 100 Millionen Tonträger über diverse Ladentheken. Kurzum: Iron Maiden sind eine unumstößliche Institution. Nicht umsonst fliegt die Band ihre Crew, Angehörigen und sämtliches Equipment seit der „Somewhere Back In Time“-Welttournee per Flugzeug an Orte, die sonst aus logistischen Gründen von nur wenigen Bands bespielt werden. Immer mit dabei natürlich auch Maskottchen Eddie The Head, der sowohl auf jeglichen Album-Covern vorhanden ist als auch bei sämtlichen Live-Auftritten quasi als siebtes Band-Mitglied fungiert.
Im Zentrum dessen steht seit jeher Bassist und Kreativkopf Steve Harris, der Iron Maiden am ersten Weihnachtstag des Jahres 1975 ins Leben rief. Im Lauf der Zeit kam es zu zahlreichen Besetzungswechseln, doch Harris blieb. Als einziges beständiges Mitglied der Band bewies er, dass sich Geduld und Ausdauer, Selbstvertrauen und harte Arbeit schlussendlich auszahlen.

Another Life
Harris‘ Lebensweg war alles andere als von Beginn an in Stein gemeißelt, schließlich hatte er die Wahl zwischen gleich zwei Leidenschaften: Fußball und Musik. Schon früh unterzeichnete er einen Vertrag bei West Ham United, einem im East End von London ansässigen Profi-Fußballverein. Zwar kehrte er einer möglichen Profikarriere als Sportler bald seinen Rücken – unter anderem weil ihm das Training überdurchschnittlich viel Zeit raubte, die er damals eigentlich lieber mit seinen Freunden verbracht hätte –, doch ist er noch heute einer der wohl größten und passioniertesten Fans des Vereins. Nicht nur ließ er sich das entsprechende Wappen unter die Haut stechen, auch findet es sich auf seinem Signature-Precision-Bass von Fender. Im übrigen war es wohl Harris, der „Up the Irons“ als Gruß in der Metal-Szene verbreitete – ursprünglich gehört der Spruch den Fans von „West Ham United“ an.
Harris brachte sich das Bassspielen selbst bei, entwickelte auf diese Weise seinen unverkennbaren Stil. Besonders charakteristisch sind seine regelrecht „galoppierenden“ Basslines. Harris‘ Bedeutung als Heavy Metal-Bassist wiegt schwer: In einem Genre, welches das Scheinwerferlicht bevorzugt auf seine Gitarristen, seltener Schlagzeuger richtet, etablierte sich Harris schnell zu einer der ersten Ikonen am Bass überhaupt.

Different World
Maßgeblich beeinflusst wurde Harris von Bands wie Genesis, Jethro Tull und Wishbone Ash, außerdem UFO. Auch Led Zeppelin, Black Sabbath sowie Deep Purple spielten eine große Rolle in seiner Sound-Findung. Iron Maiden bieten nur gelegentlich Raum, seine Vorliebe für den Progressive und Hard Rock der 70er-Jahre auszuleben. Diesbezüglich lässt ihm sein Nebenprojekt British Lion etwas mehr Spielraum. Bisher sind zwei Studioalben erschienen: BRITISH LION (2012) und zuletzt THE BURNING (2020).
Während Harris als zentraler Kreativkopf und Haupt-Songwriter für Iron Maiden auftritt, sind bei British Lion alle Mitglieder gleichermaßen am Songwriting-Prozess beteiligt. In manchen Fällen geht Iron Maiden trotzdem vor: „Wenn ich eine Idee für einen neuen Song habe, will ich ihn zuerst mit Iron Maiden ausprobieren – das hat Vorrang. Doch sobald jemand von außerhalb von Maiden involviert ist, ist dies keine Option mehr. Das ist die Regel, die wir immer hatten.“

Heaven Can Wait
Obwohl Harris – als Schlüsselfigur des Heavy Metal – von vielen respektiert, ja, verehrt wird, blieb er stets eine Person mit Bodenhaftung. Ein Beispiel: Obwohl er selbst zu jenen gehört, zu denen viele aufschauen, scheint ihn von Zeit zu Zeit seine eigene Schüchternheit zu überkommen. „Ich habe sehr lange vermieden, Ian Anderson [Jethro Tull] zu begegnen, weil ich nicht wusste, was ich ihm sagen würde. Und einmal habe ich mit Peter Gabriel [Genesis] Tennis gespielt, bloß weil er auf demselben Hotel-Tennisfeld war wie ich. Ich weiß nicht, ob er überhaupt wusste, wer ich war, doch habe ich nichts gesagt, weil ich befürchtete, keinen Ton herauszubekommen. Ich wollte mich nicht wie ein Fanboy benehmen – obwohl ich mich wie einer fühlte“, erzählte der sechsfache Vater an anderer Stelle.
Ans Aufhören denkt Harris im Übrigen noch nicht: „Schon vor über 20 Jahren haben uns die Leute gefragt, wann wir aufhören werden, Musik zu machen. Heute sind wir noch immer dabei und wir werden weitermachen, solange wir können. Aber wer weiß schon, wie lange das noch sein wird?“
