Prinz Noctis ist der typische Halbstarke. In seiner Selbstfindungsphase hilft es nicht, dass sein Vater der König des Reiches Lucis ist, das sich seit 31 Jahren im Konflikt mit dem übermächtigen Nifelheimer Imperium befindet. Kurz vor den entscheidenden Friedensverhandlugen werden Noctis und seine Leibgarde, bestehend aus Ignis, Gladiolus und Prompto, in die Hafenstadt Altissia entsandt, um seine Jugendfreundin und Orakel Lady Lunafreya zu ehelichen. Doch natürlich ist die Reise nicht halb so harmlos wie es auf den ersten Blick scheint und der erste brutale Schicksalsschlag in der Geschichte lauert bereits nach dem ausgedehnten Prolog!
Roadtrip in einer offenen Welt
Im Fokus von Final Fantasy 15 steht die Reise durch die weiten, offenen Landschaften von Lucis, der als ein Roadtrip von vier sehr unterschiedlichen, aber in einer Schicksalsgemeinschaft verbundenen Freunden inszeniert wird. Ignis ist der Kammerherr des jungen Prinzen, Gladiolus der Mentor, Leibwächter und väterlicher Ausbilder.
Der ungestüme Prompto nimmt als „bester Kumpel“ des Thronfolgers eine nicht-royale Sonderrolle in der Gruppe ein. Die Dynamik zwischen den Charakteren wird in witzigen Gesprächen inszeniert und funktioniert gut – als Spieler hängt man schnell an den vier Jungs, die aufgrund ihres Looks mitunter wie eine Band auf Tour wirken, deren Figuren allerdings erst etwas zu spät dramatisch an Tiefe gewinnen. Durch einen Kniff – Nachts werden die Lande von extrem starken Dämonen heimgesucht – erwirken die Entwickler zudem einen Tag-Nacht-Rhythmus, der äußerst realistisch und organisch wirkt: Tagsüber wird gereist, nachts gerastet.
Das königliche Auto
Die Gruppe reist natürlich entsprechend königlich: Dreh- und Angelpunkt der Fortbewegung ist, neben den obligatorischen Chocobos, das Luxusgefährt Regalia, eine Mischung aus Rolls Royce und Maserati, mit dem die vier durch die wunderschönen, weitläufigen Landschaften von Lucis gleiten und das auf- und ausgerüstet werden sowie visuell angepasst werden kann.
Allerdings ist das Fahren eine etwas halbgare Angelegenheit: Entweder man lässt Ignis ans Steuer und macht es sich auf der Rückbank bequem und genießt minutenlang die Fahrt durch das Königreich oder man ergreift selbst die Chance, an Kreuzungen abzubiegen, zu Beschleunigen oder auf Knopfdruck zu parken. Mehr Freiraum ist nämlich in der manuellen Steuerung nicht drin, was etwas ernüchtert. Es gibt natürlich zudem eine Schnellreise-Funktion – allerdings können nur bereits besuchte Orte angewählt werden, zudem wird eine Gebühr fällig.
Fehlende Abwechslung und simple Quests
Insgesamt verpasst es Square Enix zudem, der in der Reihe erstmals wirklich offenen Welt auch echtes Leben einzuhauchen. Während die Umgebungen, gerade in der Morgensonne, wenn sachte Lichtstrahlen durch den Bodennebel dringen und in der Ferne Monstergruppen umherstreifen, für sich stehen und grandiose Panoramen bieten, fehlt es an glaubwürdigen Bewohnern.
Die zahlreichen Hubs und Lagerstätten fühlen sich eher an wie aus einem Online-Rollenspiel gegriffen – es fehlt an NPCs mit Tagesabläufen oder lockeren Gesprächen wie bei The Witcher oder The Elder Scrolls. Zudem sind die meisten Nebenaufgaben typischen „Hol Zehn“, „Kill fünf“ oder „Sammel drei“-Aufgaben, die keinerlei spannende Hintergründe bieten. Hier ist man wirklich meilenweit von der Konkurrenz entfernt, denkt man vor allem an die unglaublich spannenden Nebengeschichten von The Witcher 3.
Der chaotische Kampf
Auch das Kampfsystem ist ein zweischneidiges Schwert: Die Zeiten von Active Time Battle oder Rundensystem sind endgültig vorbei. An ihre Stelle rückt ein actionbetontes Echtzeit-System, in dessen Pause-Funktion keinerlei Befehle vergeben werden können. Stattdessen zieht man mit Noctis und einer Schlag- sowie einer Deckungs-Taste ins Gefecht. Doch so simpel wie es zunächst wirkt, bleibt das Kampfsystem nicht lange: Aufgrund einer immensen Zahl an verschiedenen Waffen und Resistenzen muss der Prinz jeden Gegner mit dem richtigen Werkzeug bearbeiten. Zudem besitzt er eine Warp-Fähigkeit, mit der er Feinde aus dem Hinterhalt erwischen oder sich blitzschnell aus der Gefahrenzone teleportieren kann. Die Kämpfe werden zudem recht schnell verhältnismäßig anspruchsvoll, was zum Teil aber auch an der unglaublich zickigen Kamera, dem verdammt unübersichtlichen Gefechtsgeschehen und den etwas blödsinnig agierenden Mitstreitern liegt, denen man leider nicht mehr, wie z.B. noch in Final Fantasy 12, Aktionsketten diktieren oder Ziele zuweisen kann. Auch das direkte Steuern der Party-Mitglieder ist nicht mehr möglich.
Das Ergebnis ist, gerade im Kampf gegen sehr viele oder einzelne, sehr starke Gegner, ein unglaublich hoher Verbrauch an Wiederbelebungs- und Heil-Items, da die Jungs manchmal nicht nur blind in Bereichsattacken von Bossgegnern laufen, sondern auch gnadenlos im Radius eigener Granaten oder Zaubersprüche stehen bleiben. Das ist latent frustrierend, da hier die einzige Eingriffsmöglichkeit über die Fähigkeiten der Mitstreiter besteht, die über eine Aktionsleiste ausgelöst werden. Das ist mächtig, allerdings wäre eine direktere Kontrolle über die Party, gerade in den ausgedehnten Dungeons, praktisch gewesen.
Aufstieg im Schlaf
Das Aufstiegssystem von Final Fantasy 15 orientiert sich an dem Sphärobrett von Final Fantasy 12, bietet allerdings neun verschiedene Bereiche, in denen Statuswerte, Angriffe, Fähigkeiten oder sonstige Attribute und Boni gesteigert werden können. Dabei sind die Bretter nicht Charakter-spezifisch, sondern übergreifend – einzelne Fähigkeiten oder Verbesserungen sind aber natürlich bestimmten Figuren zugeordnet, diese werden über eine Markierung am unteren Bildrand hervorgehoben. Das System ist umfangreich und funktioniert gut, zumal die notwendigen AP nicht nur über Level-Aufstiege verdient werden können. Stattdessen haben viele Handlungen, wie z.B. lange Fahrten mit dem Regalia, das Campen in der Wildnis oder durchdacht geführte Multiple-Choice-Gespräche, AP-Belohnungen zur Folge, sodass man nicht nur stumpf Monster kloppt, um die Gruppe zu verbessern. Level-Aufstiege sind dabei nur bei einem Campingplatz oder in einer Unterkunft möglich, bei der die über den Tag akkumulierten Erfahrungspunkte umgewandelt werden.
Nutzt man hier die Camping-Variante, greift Chefkoch Ignis zum Kochöffel und drechselt auf Wunsch eines von zahlreichen Gerichten, die für den nächsten Tag kurzfristige Status-Boosts herbeiführen und – im Falle eines Charakter-Leibgerichtes – sogar insgesamt für eine deutliche Steigerung der Werte sorgen. Jeder der vier Charaktere hat übrigens einen solchen Sonder-Skill: Während Noctis gerne angelt, besitzt Gladiolus eine übergreifende „Survival“-Fähigkeit. Prompto hingegen hält die Reise mit seinem Fotoapparat fest – und schaltet über seinen Foto-Skill neue Filter, Motive und Speicherplatz für seine Kamera frei.
Neue Magie, zufällige Beschwörungen
Auch das Magie-System und die Beschwörungen wurden bei Final Fantasy 15 angefasst und überarbeitet. So fallen die typischen Zaubersprüche weg, stattdessen kann Noctis magische Energie aus natürlichen Quellen abzapfen und dann in Fläschchen als Zauber-Granaten nutzbar machen. Diese können im Menü manuell erstellt werden und es kann nicht nur die Stärke des Zaubers, sondern mit dem Hinzufügen weiterer Zutaten auch eine zusätzliche Wirkweise (z.B. Stun oder Gruppenheilung) zum Magieschaden von Feuer, Eis und Bliz hinzugefügt werden. Weniger elegant (wenngleich herrlich spektakulär) sind die Beschwörungen der Götter Atlas, Ifrit und Co. – deren Grundvoraussetzungen allerdings etwas sehr zufällig wirken und teils vom Ort, teils von Statuszuständen der Gruppe abhängen.
Leider ist die eigentlich spannend erzählte und schön inszenierte Geschichte zudem etwas zu deutlich Teil eines Universums, das mit dem Film Kingsglaive und der Anime-Serie Brotherhood über das Spiel hinausgeht. Diese sollte man nämlich kennen, um die Hintergründe der Charaktere besser verstehen zu können.
Fazit
Final Fantasy 15 macht vieles richtig: Die Welt, die Kulisse, die Gruppe, die Handlung und die Inszenierung sitzen passgenau. Die Reise durch die teils wunderschönen Landschaften mit ihren bizarren Kreaturen macht richtig Spaß und auch die Gruppe um Prinz Noctis wächst einem schnell ans Herz. Dämpfer erfährt das Rollenspiel mit seiner etwas chaotischen Kampfmechanik und der fehlenden Möglichkeit, seiner Party gezielte Kommandos zu erteilen. Zudem schwächelt die Spielwelt mit vielen 08/15-Sammelaufgaben und kaum spannenden Geschichten neben der Hauptquest. Dennoch: Final Fantasy 15 ist, nicht zuletzt wegen seiner spannend zusammengestellten Charaktere, ein durchweg unterhaltsames Spiel.
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